Gold und Geister: Unheimliche Geschichten

von: Hendrik M. Bekker

Uksak E-Books, 2017

ISBN: 9783738912128 , 200 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 2,99 EUR

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Gold und Geister: Unheimliche Geschichten


 

5


Das Haus lag dunkel da. Die Nacht wurde von einem klaren Halbmond beschienen. Nur wenige Wolken trübten das Licht kurz.

„Herrlich, nicht?“, fragte Emmius.

„Was?“

„Der Sternenhimmel. Man kann hier, so weit von den Lichtern der Stadt, mit bloßem Auge manchmal Sternennebel am Himmel sehen.“

Auf Theodors befremdlichen Blick hin fügte Emmius hinzu: „Nur weil ich meinen Job mache, muss ich nicht blind sein für eine schöne Blume am Wegesrand.“

Theodor schüttelte langsam den Kopf. Er war im Nirgendwo mit einem Irren mit Schwert auf Geisterjagd.

Sie gingen zur verschlossenen Haustür. Das Abschließen hatte ja die Polizei erledigt.

Langsam wurde Theodor mulmig zumute.

„Wenn sie so nett wären“, bat Emmius mit Blick auf die Tür.

Theodor folgte seinem Blick einen Moment verdutzt, bevor er begriff.

„Ja, natürlich.“

Er öffnete die Tür und trat hinter Emmius ein.

„Und nun?“, fragte Theodor in die Stille hinein. Vor ihnen lag der Flur im Dunkeln.

Emmius sah sich kurz um, fand den Lichtschalter und betätigte ihn.

Im Licht sah der Flur plötzlich nur noch halb so unheimlich aus.

„Ist nur halb so gespenstisch, nicht?“, fragte Emmius.

Er ging den Flur entlang und sah in die abgehenden Räume.

„Jetzt muss sie nur noch auftauchen“, setzte er an. „Haben Sie etwas Bestimmtes berührt, als sie kam, oder“, weiter kam Emmius nicht. Hinter der Tür, die er öffnete, stand sie. Die Frau in Weiß.

Sie verzog das Gesicht zu einem Schrei und schlug nach ihm.

Theodor schrie entsetzt auf, als Emmius nach hinten gegen die Wand geschleudert wurde.

Die Frau trat durch die Tür auf Emmius zu, doch dann hielt sie inne.

Ihr Blick wandte sich Theodor zu und es blitzte in ihren Augen. Sie erkannte ihn, wurde Theodor plötzlich klar. Mit schnellen Schritten kam sie auf ihn zu. Gerade als ihre Hand ihn berühren wollte, trat eine Klinge aus ihr hervor. Sie schnitt durch sie hindurch wie durch Nebel und die Frau löste sich auf. Emmius stand nun da, das Schwert noch immer fest umklammert. Die silberne Klinge schien leicht zu leuchten.

Langsam verblasste es.

„Nächstes Mal würde ich an Ihrer Stelle einfach weglaufen oder ausweichen“, bemerkte Emmius und entspannte seine Haltung. Er behielt das Schwert locker in der Rechten.

„Nächstes Mal?“, fragte Theodor entsetzt. „War es das nicht? Ist sie nicht weg?“

Emmius schüttelte den Kopf.

„Die Magie, die die Seele hier hält, ist ungebrochen. Ich habe sie nur ... wie erkläre ich das Ihnen? Sie ist zerteilt, muss sich neu zusammensetzen und sammeln.“

Emmius nahm einen Ring aus der Tasche, den ein für Theodors Geschmack viel zu großer Bernstein zierte.

„Jeder Geist hat einen Grund, hier zu sein“, erklärte Emmius. „Manche sind es wegen Gefühlen, Rache, Liebe oder etwaigen offenen Rechnungen. Das ist aber selten. Manche sind hier, weil sie ein Zauber bindet. Danach suche ich damit.“

Er hielt den Beinsternring hoch.

„Direkt aus der Zweigstelle Emden geliehen. Er verstärkt mein Gespür für verzauberte Dinge. In einem normalen Haus sollte da dann auch nichts sein.“

Theodor nickte, als würde er alltäglich über derartig absurde Dinge reden.

Eine Weile wanderte Emmius scheinbar ziellos durch das Haus. Er nahm immer mal wieder etwas in die Hand, betrachtete es und stellte es dann zurück.

Theodor folgte ihm im Abstand von ein paar Metern. Einerseits wollte er weder stören noch etwas abkriegen. Wer garantierte ihm, dass diese Magie für ihn nicht irgendwie gefährlich war?

Andererseits wollte er in Emmiuss Nähe sein, falls der Geist erneut auftauchte.

Sie waren inzwischen im zweiten Stock. Emmius öffnete eine Tür in etwas wie ein Gästezimmer und erstarrte. Der Bernstein an seinem Ring glomm aus seinem Innersten heraus.

Ansonsten wurde das im Dunkel liegende Zimmer nur von der Frau in Weiß erhellt. Regungslos stand sie da und blickte aus dem Fenster. Trauer lag in ihren Zügen.

Sie schien in weite Ferne zu schauen.

Theodor hielt den Atem an aus Angst, sie könnte ihn bemerken.

Tatsächlich ging ein Ruck durch sie und sie blickte zu ihnen.

Doch kein Hass veränderte ihre Züge. Sie sah nur müde und enttäuscht aus.

Ihr Blick wanderte zur Decke. Dann plötzlich fixierte sie Emmius.

Sie löste sich auf, verblasste wie Rauch und war einfach weg.

„Warst du das?“, fragte Theodor und vergaß völlig, dass Emmius ein Fremder für ihn war.

Emmius schüttelte den Kopf.

„Das war sie. Vielleicht will sie uns etwas sagen!“

„Vielleicht?“

„Wäre jeder Geist gleich, wäre das alles viel einfacher. Da es mal Menschen waren, sind sie alle verschieden, alle etwas eigen, will ich mal sagen.“

„Und was, denkst du, wollte sie sagen?“

Er deutete auf die Decke.

„Dachboden?“, spekulierte Emmius. Er zuckte die Schultern.

„Es ist einen Versuch wert und besser als nichts tun“, stellte er pragmatisch fest. Es führte eine schmale, sehr steile Treppe zum Dachboden herauf.

Mit Taschenlampen bewaffnet stiegen sie hinauf, Emmius mit gezücktem Schwert, was bei der steilen Treppe alles andere als leicht war.

Der niedrige Dachboden war voller Gerümpel aus vielen Generationen. Im Dunkel schwebte der Geist.

Emmius fasste das Schwert fester, doch in dem Moment war der Geist schon wieder verschwunden.

Emmius ging zu der Stelle, an der der Geist gewesen war, und hielt den Ring hoch. Er leuchtete wieder, Theodor kam es sogar so vor, als ob er stärker leuchtete als zuvor.

„Das ist es“, hauchte Emmius. Theodor trat neugierig näher.

„Was ist es?“

„Die Lösung.“ Emmius deutete auf kleine Zeichen, die quer über einen alten Balken des Dachgestühls verliefen.

„Dieses Geschmiere? Ich denke, das waren die Kinder der Besitzerin, als sie klein waren“, sagte Theodor ungläubig. Manche Zeichen schienen sich zu wiederholen, fiel ihm auf.

Emmius leuchtete die Zeichen mit seiner Taschenlampe an und fuhr sie mit dem Finger nach.

„Das sind Hexenrunen. Sie berichten von einer Frau“, er zögerte. „Diese hier wurden von einer Hexe geschrieben, die jemanden bestrafen wollte. Sie hat die Tochter des Hausherren verflucht, als Geist hier auf ewig zu wandeln.“

„Wieso? Was hat sie getan?“

„Es gab da wohl einen Mann“, erklärte Emmius und entfernte ein paar Spinnweben, die ihm die Sicht versperrten.

„Der Mann umwarb die Frau, aber sie spielte mit ihm. Dann muss ihr Geist nun hier ewig ausharren.“

„Wieso steht das dort alles?“

„Hexenrunen sind kompliziert. Ich kann sie lesen, würde aber nicht wagen, sie zu verwenden. Ein Zauber damit muss Wer, Warum und eine Auflösung enthalten.“

„Auflösung?“

„Ein Ausweg. Wie man den Geist befreit, den Zauber bricht.“

„Und wie?“

„Das fehlt hier“, stellte Emmius resigniert fest. „Sie muss echt sauer gewesen sein. Es verstößt gegen die Regeln der meisten Hexenschwesternschaften. Damals war es sicher nicht anders, das hätte eine schlimme Strafe für sie bedeutet.“

Er sah sich die Runen genauer an. Dabei schüttelte er langsam den Kopf.

„Wie kann man den Geist nun befreien?“

„Hier“, sagte Emmius und drückte Theodor sein Schwert in die Hand.

„Ich werde geschwächt durch das Ritual, das ich vorhabe. Falls ich unterbrochen werde, kann das böse enden, vor allem für mich. Du musst mich verteidigen.“

„Wieso sollte der Geist das verhindern?“

„Sie wird es vielleicht nicht absichtlich tun, aber das Auflösen des Zaubers wird ihr vielleicht eine Form von Schmerz verursachen.“

„Aber... “, setzte Theodor an, doch Emmius brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

Emmius drehte den Ring, so dass der Bernstein in seiner Handfläche war, und hielt in nahe über die erste Rune.

„Magie ist Wille“, rezitierte Emmius leise. Theodor hatte nicht das Gefühl, dass Emmius mit ihm sprach. Es war eher wie ein Mantra, sein persönliches Vaterunser.

„Mein Wille verändert die Realität, denn er ist ein Teil von ihr. Wie ein Wassertropfen auf die Oberfläche schlägt und Wellen verursacht, so verursache ich etwas.“

Die letzten Worte waren bereits so leise, dass Theodor sie kaum verstand.

Emmius schien noch mehr zu sagen, doch es war nun zu leise.

Theodor wandte mühsam den Blick ab und sah sich auf dem Dachboden nach der Frau in Weiß um.

Er hoffte inbrünstig, dass er nichts sehen würde, was bedrohlich war. Er wimmerte leise, als er doch etwas sah. Sie. Langsam, fast gemächlich, kam sie auf ihn zu. Ihr Gesicht war eine Mischung aus Neugier und abgrundtiefer Abneigung.

„Bleib stehen“, sagte Theodor und versuchte dabei so selbstsicher wie möglich zu...